No Lives Matter

Miriam Hedrich


Ich bin eine junge Frau im Masterstudium, bin in Deutschland aufgewachsen und habe einen deutschen/europäischen Pass. Ich habe zudem eine weiße Hautfarbe. Durch diese wenigen sozialen Merkmale bin ich Teil einer weltweit extrem privilegierten Gesellschaftsgruppe. Denn mir werden Türen geöffnet, Chancen angeboten und weltweite Wege ermöglicht, die für andere Personen grundsätzlich verschlossen bleiben. Die Mehrheit der Mitarbeiter:innen an den Universitäten in Deutschland sind wie ich, obwohl die Außendarstellung oft ein diverses Bild der Universitätslandschaft zeigt. Meine Privilegien sind keineswegs natürlich, sondern durch hegemoniale und koloniale Machtstrukturen gewachsen, auf die ich mit diesem Beitrag aufmerksam machen will.

Foto: Pexels

It’s unfortunate that we even have to say ‚Black Lives Matter‘, I mean, if you go through history nobody ever gave a fuck. I mean, you can kill black people in the street, nobody goes to jail, nobody goes to prison. But when I say ‚Black Lives Matter‘ and you say ‚All Lives Matter‘, that’s like if I was to say ‚Gay Lives Matter‘ and you say ‚All Lives Matter‘. If I said, ‚Women’s Lives Matter‘ and you say ‚All Lives Matter‘, you’re diluting what I’m saying. You’re diluting the issue. The issue isn’t about everybody. It’s about black lives, at the moment.

Ice-T/Ernie C. 2017: No Lives Matter

Dieses Zitat entstammt dem 2017 erschienenen Song No Lives Matter der US-amerikanischen Crossover-Band Body Count, gesprochen von deren Frontmann Ice-T (bürgerlicher Name: Tracy Lauren Marrow). Bereits Anfang der 1990er Jahre erregte die Band mit Tracks wie KKK Bitch und Cop Killer in der medialen Landschaft und politischen Öffentlichkeit Aufsehen. Ursächlich hierfür waren nicht ausschließlich provokative Textzeilen in Cop Killer[1], sondern vornehmlich die zeitliche Überschneidung mit den Los Angeles Riots von 1992, welche am 29. April desselben Jahres mit dem Freispruch von vier weißen Polizisten*[2] begannen. Im Jahr zuvor hatten ebenjene Polizisten* den Schwarzen Rodney King, nachdem er sich per Flucht der Festnahme entziehen wollte, auf offener Straße brutal und unter Verwendung ihrer Schlagstöcke zusammengeschlagen (Wallenfeldt o.J.: Los Angeles Riots of 1992). Bereits vor den nach dem Freispruch eintretenden Unruhen erregte dieser Fall von Polizeigewalt – aufgrund des von einer Privatperson angefertigten und in der Folge veröffentlichten Videomitschnitts der Tat – landesweite Aufmerksamkeit. Bei den darauffolgenden siebentägigen Ausschreitungen wurden über 50 Menschen getötet, mehr als 2300 Personen verletzt sowie Tausende inhaftiert. Darüber hinaus entstand ein Sachschaden von ca. einer Milliarde US-Dollar, worunter u.A. über 1100 zerstörte und beschädigte Gebäude und Wohnhäuser fallen (ebd.).

In diesem Zusammenhang steht die Veröffentlichung des Songs Cop Killer, welcher aus der Perspektive eines fiktiven Charakters gerappt wird, der der Polizeigewalt (in den USA) überdrüssig ist. Trotz der mehrmaligen Bekundungen Ice-Ts, es handele sich um eine fiktive Erzählung, mündete die Veröffentlichung in einer hitzigen Debatte, welche anlässlich der anstehenden Präsident:innenschaftswahlen sogar bis in die höchsten Kreise der US-Regierung reichte (Philips 1992: o.S.).

Auf Basis des Eingangszitats und der gesellschaftspolitischen Entwicklungen in den USA ergibt sich die Frage, wie Body Count in ihrem Werk No Lives Matter Rassismus wahrnehmen und sprachlich manifestieren.

Dass Sprache Realität schafft und darüber hinaus Hierarchieverhältnisse konstituiert und abbildet, haben schon Antje Lann Hornscheidt und Adibeli Nduka-Agwu in Der Zusammenhang zwischen Rassismus und Sprache (2010) hinreichend herausgearbeitet. Rassismus wird darin als dynamisches und machtvolles Konstrukt verstanden, auf Basis dessen Personen und Gruppen unterdrückt und diskriminiert werden (Hornscheidt/Nduka-Agwu 2010: 12), wobei dessen „Reproduktion, Reinkarnation, Transformationen“ (ebd.: 14) eine Normalität in der (deutschen) Gesellschaft widerspiegelt[3]. Wenn Rassismus zudem „Teil gesellschaftlicher Norm(al)vorstellungen ist, […] institutionalisiert ist und selbstverständliche und unhinterfragte Grundlage staatlichen Handelns sowie kollektiver Selbstvorstellungen […] ist“ (ebd.: 15), wird von strukturellem Rassismus gesprochen. Die Kenntnis über Machtverteilungen und -relationen sowie der gesellschaftliche Kontext sind hierbei ausschlaggebend für den rassistischen Gehalt einer Aussage.

Auch wenn es individuelle Gefühle und Erfahrungen von Diskriminierung gibt, macht es einen entscheidenden Unterschied, wie die persönliche Betroffenheit strukturell kontextualisiert ist, ob und inwiefern strukturelle Diskriminierungen aufgerufen und reProduziert werden.

Hornscheidt/Nduka-Agwu 2010: 16

Von Bedeutung ist darüber hinaus, dass Sprache stets als sprachliche Handlung verstanden wird, welche spezifische Vorstellungen der proklamierten Wirklichkeit(en) schafft, worunter sowohl individuelle als auch gruppenbezogene Identitätskonstruktionen und -politiken fallen (ebd.: 29). In diesem Zusammenhang machen sprachliche Handlungen Wissen verständlich, wobei – mehr oder weniger – häufig sprachliche Konventionen verwendet werden, die durch ihren stetigen Gebrauch naturalisiert werden (ebd.: 29f.).

Mit den BeNennungen, die Kommunizierende benutzen, treffen sie stets eine Wahl, die von machtvollen Bildern, Stereotypen, und Zuschreibungen geprägt ist.

Hornscheidt/Nduka-Agwu 2010: 30

Dass verbale Handlungen folglich immer einem Auswahlprozess unterliegen, obgleich dieser aufgrund von Konventionen und Naturalisierung oftmals unbewusst abläuft, und in der Folge reale Auswirkungen auf Individuen, Gruppen und bestehende Gesellschaftsverhältnisse hat, zeigt auch Ice-T in No Lives Matter auf. Als theoretische Basis greift hier neben der genannten Sprachtheorie auch Rap als Kunstform im Sinne einer „Schwarzen Widerstandspraxis“ (vgl. Hagen-Jeske 2016). Rekurs nehmend auf die im Zuge der Black Lives Matter-Bewegung entstandene Phrase „All Lives Matter“ verdeutlicht er, dass einerseits eine sprachliche Pauschalisierung stattfindet, indem „Black“ durch „All“ ersetzt wird. Und andererseits wird mittels einer sprachlichen Handlung der Fokus vom zentralen Thema – die strukturelle Unterdrückung und Diskriminierung von Schwarzen bzw. BIPoC in den USA – der gesellschaftspolitischen Bewegung abgelenkt, was letztlich zu einer Nivellierung von deren sozio-kultureller, individueller und politischer Bedeutung führt. Ergänzend dazu ist anzuführen, dass das Aufmerksammachen auf (strukturellen) Rassismus und eine vollumfängliche Gleichstellung zu den Zielen der Protestbewegung gehören – und nicht die Vormachtstellung Schwarzer. Es ist also nicht gesagt, dass mit der selbstgewählten Phrase andere gesellschaftliche Problematiken wie z.B. Sexismus, Homophobie, Antisemitismus u.A. kategorisch ausgeschlossen werden. Stattdessen bringt eine solche Phrase – aus einem demokratischen Blickwinkel vollkommen zurecht – die facettenreichen Problemfelder Schwarzer Menschen in rassistischen Gesellschaften zur Sprache. Mit dem Ersetzen von „Black“ durch „All“ wird also ein Tausch von „Täter:innen“ und „Opfern“ vollzogen, der als verbale Handlung reale Auswirkungen auf die eigentlich Betroffenen hervorruft.

Bei Betrachtung des Songtitels No Lives Matter könnte man:frau nun doch zumindest der Band eine negativ ausgedrückte Relativierung im Sinne der All Lives Matter-Phrase vorwerfen, wären da nicht gleich mehrere Verweise auf das aus Ice-Ts Sicht eigentliche Problem im Verlauf des Songtextes. So heißt es weiter:

But the truth of the matter is,
they don’t really give a fuck about anybody
[…]
But honestly it ain’t just black
It’s yellow, it’s brown, it’s red
It’s anyone who ain’t got cash
Poor whites that they call trash
[…]
They fuck whoever can’t fight back
But now we gotta change all that
The people have had enough
Right now, it’s them against us
This shit is ugly to the core
When it comes to the poor
No lives matter.

Ice-T 2017: No Lives Matter

Hier wird deutlich hervorgehoben, dass neben Schwarzen auch andere Menschen of Color, die indigene Bevölkerung Amerikas sowie das weiße Proletariat vom Staat, der Exekutiven und den finanziell bessergestellten Teilen der Gesellschaft systematisch unterdrückt und benachteiligt werden. Somit werden klassenspezifische Diskriminierung, Ausbeutung und Marginalisierung als wesentliche Problemfelder der US-amerikanischen Gesellschaft erkannt, welche durchaus intersektional[4] mit Rassismus verknüpft sein können, es aber nicht sein müssen (Scheller/Ice-T 2020: o.S.). Folglich steht No Lives Matter antithetisch „All Lives Matter“ gegenüber, indem die strukturellen Gesellschaftsunterschiede, welche auf sozialer Ungleichheit basieren und u.A. mittels gesellschaftlicher Werte, Normvorstellungen, Verhaltensweisen und Denkmuster perpetuiert werden, benannt und nicht verschleiert werden. Es wird deutlich gemacht, dass die Band Rassismus hauptsächlich als Teil eines klassenspezifischen Problems ansieht, von dessen Grundstrukturen nicht ausschließlich BIPoC betroffen sind. Das Spannende an dem Song ist demnach die Bedeutungsverschiebung von einer normativen Aussage („All Lives Matter“) auf eine deskriptive Ebene, indem die gesellschaftliche Debatte aufgegriffen und in den Kontext der Problemfelder, bedingt durch Klassismus, transferiert wird („When it comes tot he poor/ No lives matter“). In diesem Sinne: „Body Count’s in the House“ (Ice-T/Ernie C. 1992: Body Count’s in the House) – und das rockt!


[1] Zu Cop Killer von Body Count vgl. Ice-T/Ernie C. (1992: Cop Killer). Interessant ist auch die Hommage CopKKKilla des deutschen Rappers Haftbefehl (2015: CopKKKilla).

[2] Das Gendersternchen (*) hinter einem Wort dient als Verweis auf den Konstruktionscharakter von „Geschlecht“. „Frauen*“ bspw. bezieht sich auf alle Personen, die sich unter der Bezeichnung „Frau*“ definieren bzw. definiert werden und/oder sich sichtbar gemacht sehen. Polizisten* signalisiert somit, dass nicht nur cis-gender Männer gemeint sind. Unsere Verantwortung im Hinblick auf sexistische Diskriminierung gilt auch gegenüber Menschen, die sich nicht in der Norm von Zweigeschlechtlichkeit verorten können oder wollen. Das Gendersternchen kann auch auf eine andere Weise verwendet werden, und zwar genauso wie der Doppelpunkt (Student:innen und Student*innen). Um eine Barrierefreiheit unserer Beiträge für die Text-zu-Ton-Wiedergabe zu gewährleisten, gendern wir vom Team des Blogs Postcolonial Realities ansonsten mit Doppelpunkt.

[3] Basierend auf den vier konstitutiven Ebenen rassifizierter Machtdifferenz (rassifizierte Markierungspraxis, rassifizierte Naturalisierungspraxis, rassifizierte hierarchische und zugleich komplementäre Positionierungspraxis, rassifizierte Ausgrenzungspraxis) ist davon auszugehen, dass auch in den USA Rassismus als gesellschaftliches Ordnungsprinzip agiert – gleichwohl historische und kulturelle Unterschiede zwischen verschiedenen Nationen differente Entwicklungen hervorbringen.

[4] Zu Intersektionalität vgl. u.A. Raewyn Connell (2005: 75), mit einem Zitat von Ice-T.

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